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Kultur und die ewige Suche danach

«Kultur ist meist nur das Gerücht von Kultur» 

 

Mit diesem Zitat trifft der deutsche Schriftsteller Gregor Brand den Definitionsnagel auf den Begriffskopf. Es scheint in der Natur der Kultur zu liegen, dass sie so schwer greifbar wie doch umfassend ist. Kultur prägt uns, bewegt uns und lässt uns ratend zurück. Zahlreiche Definitionsversuche aus verschiedensten Disziplinen ranken sich um Sie, doch es scheint, dass jeder Rahmen, den man um Sie legt, nur zu dessen Sprengung führt.

Memories of Racism

Was ist  «Rassismus» überhaupt? Wann ist eine Handlung  «rassistisch»? Wie gehen wir mit unserer Geschichte um – und wie mit der Gegenwart? 
Wie so oft gibt es nicht eine einzige Antwort auf diese Fragen. Umso wichtiger ist es, gemeinsam darüber nachzudenken und zu diskutieren. Die Programmreihe  «Memories of Racism» hat das Ziel, den Dialog rund um Rassismus weiterzuführen und so zum Abbau von Vorurteilen beizutragen.

 

Der Blog geht kontroversen Fragen ausgewählter Beispiele tiefer auf den Grund und beleuchtet Mechanismen von Rassismus und Diskriminierung aus unterschiedlichen Perspektiven.

Die Stimmen für Gleichberechtigung können nicht mehr überhört werden

Ein Beitrag von Jacqueline Straub.

 

Papst Johannes XXIII. war es, der als erster Papst einiges für die Gleichstellung der Frau* in der katholischen Kirche getan hat. 1963 wurde die Enzyklika Pacem in terris veröffentlicht, in der nicht mehr von der Unterordnung der Frau* unter den Mann*, sondern von der Würde der menschlichen Person die Rede ist. Mit der Enzyklika Pacem in terris (1963) bekannte sich die katholische Kirche erstmals in ihrer Geschichte auf höchster Ebene ausdrücklich zu den Menschenrechten. Diese grundsätzliche Anerkennung der Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit von Mann* und Frau* fand auch im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 – 1965) Eingang. So wurde fortan von der «grundlegende Gleichheit aller Menschen» («Gaudium et spes» Nr. 29) gesprochen. Gleichzeitig wurde dort festgehalten: «Jede Form einer Diskriminierung in den gesellschaftlichen und kulturellen Grundrechten der Person, sei es wegen des Geschlechts oder der Rasse, der Farbe, der gesellschaftlichen Stellung, der Sprache oder der Religion, muss überwunden und beseitigt werden, da sie dem Plan Gottes widerspricht.»

 

Nach der anthropologischen Überzeugung und der Lehre der Kirche haben Mann* und Frau* die gleiche Würde und somit das Recht auf Gleichberechtigung. Doch: Noch heute steht im Kirchenrecht der katholischen Kirche in Canon 1024: «Die heilige Weihe empfängt gültig nur ein getaufter Mann.» Da das Geschlecht des Mannes als Voraussetzung zur Weihe zählt, handelt es sich hier um eine strukturelle Benachteiligung der Frau*. Es liegt ein Verstoss gegen die fundamentale Gleichheit vor, da eine priesterliche Berufung von einer Frau* erst gar nicht geprüft wird.

 

Der Ausschluss der Frauen von allen Weiheämtern in der katholischen Kirche ist nicht nur eine klare Diskriminierung des Geschlechts, es entspricht auch nicht dem, was Jesus Christus predigte und wie er handelte. Jesus Christus erwählte eine Frau zur ersten Zeugin der Auferstehung. Indem Jesus zuerst Maria Magdalena erscheint, ist das der größte Akt der Berufung. Dies ist von höchster Bedeutung für die Stellung der Frau* im Christentum. In der patriarchal strukturierten Gesellschaftsordnung zu Zeiten Jesu war diese Beauftragung der Maria Magdalena sehr ungewöhnlich, denn Frauen hatten nichts zu sagen, sie konnten öffentlich kein Zeugnis ablegen, da sie als unglaubwürdig galten. Wenn Jesus Maria Magdalena den Auftrag erteilt, den anderen von ihm zu erzählen, dann wertet Jesus Christus die Frau* in ihrer Würde nicht nur auf, sondern lässt etwas ganz Neues beginnen. 

 

In der Jesusbewegung war die Gleichstellung und das Einbeziehen aller etwas ganz Normales. Jesus gab sich mit Frauen ab, mit denen er weder verheiratet noch verwandt war. Er relativierte somit die patriarchalischen Traditionen. Jeder wurde als Mensch, als Person angesehen.
Auch in den paulinischen Gemeinden hatten Frauen wichtige Funktionen und Ämter. Frauen hatten in den ersten Generationen des Christentums die Vollmacht, diakonische, priesterliche, bischöfliche und prophetische Dienste auszuführen. Nach und nach aber wurden die Frauen – weil es einfach nicht ins patriarchalische Weltbild passte – in eine Rolle gedrängt, die ihnen die Männer vorgaben.

 

Seit fast zehn Jahren erhebe ich öffentlich meine Stimme und sage, dass es eine Ungerechtigkeit ist, dass Frauen (bzw. Nicht-Cis-Männer) keine Priester*innen werden dürfen. Weil ich mich für Reformen einsetze, musste ich mir schon einiges anhören: «Du kommst in die Hölle», «Zerstörerin der Kirche», «Ich bete einen Exorzismus für dich». Solche Aussagen kommen von Katholik:innen, die keinerlei Veränderung in und an der katholischen Kirche zulassen möchten. Viele dieser rechtskatholischen Kreise haben noch immer viel Macht innerhalb des Vatikans. Sie wollen keine Veränderung, weil sie Angst haben vor Neuem. Zudem bedeutet Gleichberechtigung immer auch Teilen von Macht. Und: Reformen setzen auch Reflexion voraus und manchmal auch das Revidieren des eigenen Kirchen- und Menschenbildes. Für viele Rechtskatholik:innen ist das Verweilen im «Es-war-schon-immer-so» einfacher, als auf den Heiligen Geist zu vertrauen und voranzuschreiten.

 

Es braucht daher einen langen Atem und internationale Vernetzung der Reformer:innen. Denn einige Bischöfe sagen gerne, dass die Forderung nach Gleichberechtigung innerhalb der Kirche ein rein «deutschsprachiges oder westliches Problem» sei. Das stimmt allerdings nicht. Denn auf allen Kontinenten gibt es Frauen*, die sich zum priesterlichen Dienst berufen fühlen und die den Ausschluss von den Weiheämtern als diskriminierend empfinden.

 

Schon seit Jahrzehnten bemühen sich Katholik:innen Reformthemen voranzutreiben, die theologischen Gründe für das Frauenpriester:innentum liegen längst auf den Tischen. Doch da der Vatikan noch immer die Macht und die Deutungshoheit hat, braucht es nun vermehrt einen lauten Aufstand von der Basis, die gleichzeitig aber auch den Bischöfen Mut schenkt, damit sie sich für mehr Menschenrechte und Gleichberechtigung innerhalb der Kirche einsetzen. Gesprächsbereitschaft von der Basis und selbst theologische Argumente konnten die Amtsleitung der katholischen Kirche bislang nicht dazu bewegen, diskriminierende Strukturen innerhalb der Kirche zu überwinden. Daher braucht es vermehrt Menschen, die aufstehen und ihre Stimme erheben. Denn viele laute Stimmen können nicht mehr überhört werden.

 

Die Kirche verliert stark an ihrer Glaubwürdigkeit, wenn sie nach aussen für die Rechte der Frau* und die Verwirklichung der Menschenrechte eintritt und sie fordert, jedoch in ihren eigenen Reihen noch weit von der rechtlichen Gleichstellung entfernt ist. Die Kirche kann zum Vorbild für Staat und Gesellschaft werden – wenn sie nur will.

 

Ich bin guten Mutes, dass sie es schaffen wird. Weil viele Katholk:innen beherzt für Reformen kämpfen und sich in ihrem kirchlichen Umfeld schon heute dafür stark machen, dass diskriminierende Strukturen beseitigt werden.

 

Fotocredits: Melanie Wetzel (www.meli-photodesign.de)

Ein Musterprozess für die Rechte der Jenischen und Sinti

Ein Beitrag von Daniel Huber und Willi Wottreng.

Der Wohnwagen ist von hoher symbolischer Bedeutung; er steht für eine Erwerbs- und Lebensweise unserer Volksgruppen von Jenischen, Sinti und Roma. In der Schweiz verwendet man diese drei Begriffe parallel. Jenische und Sinti sind als nationale Minderheiten anerkannt, ein Roma-Begehren für Anerkennung ist hängig. Obwohl nur eine Minderheit dieser Menschen im Wohnwagen als sogenannte «Fahrende» unterwegs ist, ist der Wohnwagen – auf jenisch «das Scharotl» genannt – ein Teil der kollektiven Identität; zumindest bei Jenischen und Sinti. Und für die Hassgegner auch. Rassismus hat also oft mit der Frage der Stand- und Durchgangsplätze zu tun.

Dabei nimmt der Rassismus verschiedene Formen an. Es gibt einerseits den offenen Rassismus, der sich dank der Antirassismus-Strafnorm bekämpfen lässt, gestützt auch auf die Grundrechte in der Bundeserfassung, die Rechtsgleichheit und das Diskriminierungsverbot. Wenn also Menschen die jahrhundertealten Vorurteile gegen «Zigeuner» mobilisieren, lässt sich das einklagen, und das ist schon mit Erfolg geschehen. Es kostet allerdings Zeit, Geld und Nerven.

 

Es gibt nun aber auch noch das, was wir institutionellen Rassismus nennen. Institutionell heisst, dass er von gewichtigen staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen ausgeht. Institutionell daran ist aber auch, dass er sich hinter scheinbar legalem Handeln versteckt und die rassistischen Motive dahinter nicht offen zeigt. Darum ist er auch schwieriger zu bekämpfen.

Ein Beispiel: Der Schweizer Staat ist verpflichtet, beizutragen, um Lebensraum für Jenische, Sinti und Roma zu schaffen. Das ist eine Folge der Unterzeichnung der Konvention des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten, die in der Schweiz 1999 in Kraft trat. An diesem Minderheitenschutz müssen sich alle drei staatlichen Ebenen beteiligen: Bund, Kantone und Gemeinden. Seit Jahren plante der Kanton St. Gallen einen Durchgangsplatz für Jenische und Sinti in der Gemeinde Thal im Rheintal. Diese stellte sich quer, nachdem ein einflussreicher Bürger mit einer hasserfüllten rassistischen Eingabe, die versteckt blieb, den Gemeinderat bedrängt hatte. Ein einziges Mitglied dieses Rates nahm im Innern des Gemeinderates gegen die Verwirklichung des Platzes Stellung. Entgegen demokratischen Gepflogenheiten hatte der Rat nun aber beschlossen, dass er in diesem heiklen Thema nur bei Einstimmigkeit eine Zusage zum geplanten Platz gegeben würde. Der Gemeinderat sagte also im Mai 2019 Nein, und der Kanton nahm das so zur Kenntnis: Der Platz soll nicht verwirklicht werden. Das ist ein Ergebnis des institutionellen, des versteckten, aber wirkungsmächtigen Rassismus.

Die Radgenossenschaft hat gegen diesen Beschluss Rekurs erhoben. Sie ist die Dachorganisation der Jenischen und Sinti der Schweiz der Schweiz, die als nationale Minderheit anerkannt sind, und sie unterstützt auch Roma-Anliegen. Nach zwei Instanzen folgte der Rekurs ans Bundesgericht. Auf den unteren Ebenen wollte man der Radgenossenschaft das Recht absprechen, für die sogenannten «Fahrenden» zu sprechen. Dieses Recht ist der Organisation schliesslich von der zweiten Instanz, dem Verwaltungsgericht, zugestanden worden. Ein wichtiger Teilerfolg. Weiterhin aber wird gesagt, es gebe ja gar keinen Beschluss, gegen den die «Fahrenden» Einspruch erheben könnten, weil das Ganze nur eine Angelegenheit zwischen Kanton und Gemeinden sei. Die Radgenossenschaft führt diesen Musterprozess dennoch weiter und dies allenfalls bis vor internationale Gremien.

Denn das Kernproblem ist, dass die Grundrechte der Minderheiten, die auch in der Minderheitenkonvention von der Schweiz anerkannt sind, nicht aktiv von den Behörden eingefordert werden können. Die Betroffenen können nur klagen, wenn ihre Grundrechte durch Behördenentscheide verletzt werden und das braucht oft weitere formale Voraussetzungen an das Bestehen eines Beschlusses. Die Radgenossenschaft verlangt aber, dass die Minderheiteninteressen nicht ständig übergangen werden.

Es gibt also in der Schweiz zwar einen gewissen verfassungsmässigen und gesetzlichen Schutz der Minderheiten gegen Rassismus. Aber der einzige wirklich wirksame Schutz ist: politisch Druck aufsetzen, die eigenen Leute mobilisieren, die Öffentlichkeit mobilisieren. Unruhe hervorrufen. Thal in St.Gallen ist ein Beispiel.

 

Fotocredits: Andreas Praefke. Zur Illustration.

Wenn religiöse Überzeugungen systemgefährdend sind

Ein Beitrag von Riki Neufeld.

Am 5. Januar 1527 wurde Felix Manz von den kirchlichen und staatlichen Behörden Zürichs hingerichtet. Er wurde an Händen und Füssen gebunden in die Limmat geworfen und war somit einer der ersten von über 3000 Täufer:innen, die in Westeuropa durch staatliche Gewalt ums Leben gekommen sind.

Der Grund für die Hinrichtung von Manz ist aus heutiger Perspektive kaum nachvollziehbar. Er war weder Räuber noch Mörder und war wie Zwingli ein tiefgläubiger Mensch, der den gleichen Gott fürchtete und mit seinem Leben danach trachtete, den Willen dieses Gottes zu tun. Täufer wie Manz waren darüber hinaus prinzipiell dafür bekannt, dass sie (oft) hoch solidarisch in der Gesellschaft waren, Nächstenliebe durch konkrete Hilfeleistungen in der Nachbarschaft praktizierten und nach einem Prinzip der Gewaltfreiheit lebten.

Und trotzdem waren dieser und zahlreiche weitere Täufer während hunderten von Jahren für das bestehende System so gefährlich, das sie beseitigt werden mussten. Die Bedrohung für das System bestand aber nicht im privaten Glauben dieser Täufer. Eigentlich kann jede Person im privaten Kämmerlein des eigenen Verstandes sich die Weltanschauung und den Glauben zusammenbasteln, die für sie passen. Problematisch wird es erst, wenn der Glaube eine Auswirkung auf die Lebensführung hat; brenzlig, wenn die Lebensführung entgegen der gesellschaftlichen Ordnung steht und richtig gefährlich dann, wenn dieser Glaube und die dementsprechende Lebensführung propagiert wird und immer mehr Sympathisant:innen gewinnt.

In einer Zeit, in der die Kirche auf vielen Ebenen mit dem Staat verbunden war, hatten Felix Manz und einige seiner Freunde aus der Bibel heraus erkannt, dass einige etablierte Praktiken, wie zum Beispiel die Kindertaufe, auch reformbedürftig seien. Der mündige Mensch sollte sich zur Taufe entscheiden dürfen und mit diesem Entscheid seine Absicht zum Ausdruck bringen, mit dem ganzen Leben ein Teil der Gemeinde Christi sein zu wollen. Dieser Glaube und diese Praxis brachten die gesellschaftliche Ordnung insofern durcheinander, dass die Taufbücher der Kirchen gleichzeitig als eine Art Zivilregister ihrer Zeit dienten. Wenn Eltern nun ihre Kinder nicht mehr zur Taufe brachten, verlor der Staat einen signifikanten Überblick in Bezug auf die eigene Bevölkerung.

Aber auch eine zweite Glaubensüberzeugung von Manz wurde zu einer grossen Bedrohung für das System. Die Täufer glaubten, dass es nicht der Wille ihres Herrn Jesus Christus sei, auch im Sinne der Selbst- und Landesverteidigung zu den Waffen zu greifen. Sie glaubten an eine radikale Wehrlosigkeit und verkündeten überall, dass diese Wehrlosigkeit zum wahren christlichen Glauben gehöre. Schon bald tat sich implizit hiermit die Frage auf: wer verteidigt das Land vor feindlichen Angriffen, wenn sich immer mehr Leute weigern in den Krieg zu gehen? Was ist, wenn mit einmal alle im Lande anfangen würden so zu glauben und dementsprechend zu handeln?

Felix Manz und seine Freunde bekamen am Anfang noch die Möglichkeit, ihre Erkenntnisse wider einer Kindertaufe in Disputationen mit Zwingli und anderen Vertretern der Reformierten Kirche zu präsentieren. Schon bald wurde aber im Kirchenrat entschieden, dass dies nicht der Weg für die Kirche sei. In all den Aufbrüchen und Veränderungen der Zeit, ging die Forderung, dass die Kirche die Praxis der Kindertaufe ablehnen sollte, einfach zu weit. Sprengte es schlicht und einfach die Vorstellungskraft, wie Kirche und Gesellschaft ohne diese Praxis auskommen könnte?
Mit der Entscheidung, an der Kindertaufe festzuhalten, wurde auch gleich die harte Massnahme getroffen, dass Manz ein Redeverbot bekam und sich zukünftig nicht mit anderen Kindertaufgegnern versammeln durfte. Man versuchte diese Glaubensüberzeugungen im Keim zu ersticken, denn die Folgen waren für das bestehende System zu gefährlich.

Felix Manz war aber so stark von seinen Überzeugungen ergriffen, dass er die staatlich verordneten Verbote ignorierte und weit herum reiste, um für seine Auffassungen zu werben. Immer mehr Menschen waren von seinen Predigten überzeugt und schlossen sich den Täufern an, indem sie sich zum zweiten Mal taufen liessen und ihre Neugeborenen nicht zur Taufe und Registrierung brachten.Nach zwei Inhaftierungen, die bei Manz zu keiner Gesinnungsänderung führten, wurde er schliesslich zwei Jahre nach den öffentlichen Disputationen hingerichtet.

Seither ist viel passiert. In den letzten Jahrzehnten kam es zu mehreren Versöhnungsprozessen und Feiern zwischen der Reformierten Kirche und den Täufern. Die tragische Geschichte wurde mehrfach aufgearbeitet und Schuldbekenntnisse wie auch Vergebungszusprüche haben von einem Gegeneinander zu einem Miteinander der beiden Kirchen beigetragen. Heutzutage kann jede Schweizer:in frei entscheiden, ob sie ihr Kind taufen möchte oder nicht und seit 1992 gibt es für männliche Schweizer auch die Möglichkeit, durch einen Zivildienst ihre Wehrpflicht zu erfüllen, auch wenn letzteres vor noch nicht so langer Zeit unvorstellbar für das Schweizer System war. Für den Umgang mit Andersdenkenden und Andersglaubenden bleibt aber folgende Frage bis heute relevant: Wie gehen wir mit alternativen Gedanken zu einer Glaubens- und Lebensgestaltung um, wenn diese implizit unser bestehendes System herausfordern und in Frage stellen?

Grosse Teile der Täufer hat seit dem 16. Jahrhundert konsequent an einer physischen Gewaltfreiheit festgehalten, auch wenn die Überzeugungen in den beiden Weltkriegen besonders in Europa stark gebröckelt haben. Das kann man aber keineswegs in Bezug auf verbale, psychische und soziale Gewalt sagen. Auch in Täufer-Kreisen gab es durch die Geschichte hindurch immer wieder Andersdenkende und nicht selten haben sie soziale Ausgrenzung erfahren müssen, die durchaus gewalttätig ist.

Bestehende Systeme können unter anderem eine Sicherheit und Klarheit geben, die durchaus wertvoll sein kann, besonders wenn sich vieles im Umfeld verändert. Diese Sicherheit ist nicht zu unterschätzen. Und doch sind Systeme immer im Wandel und gerade Andersdenkende können solch einen Wandel manchmal stärker beschleunigen als vielen lieb ist. Ein prinzipieller Verzicht auf Gewalt kann die Vorstellungskraft beflügeln, wie ein System auch gerade die unangenehmen Stimmen integrieren kann.

 

Quellen: Mennonitica Helvetica 41. http://www.mennlex.de/doku.php?id=art:/mantz_felix.

 

Fotocredits: Roland Fischer. Zur Illustration.
 

Der harmlose Hermes

Ein Beitrag von Hans Fässler, Historiker

Hermes als «Gott des Handels»

Den ersten St.Galler Hermes habe ich wahrgenommen, als ich 2018 meinen ersten Stadtrundgang «Auf den Spuren von Rassismus» vorbereitete. Er ist aus Metall und sitzt in einem Boot auf dem Dach des heutigen UBS-Gebäudes am Rösslitor am Rande der St.Galler Altstadt. Der wuchtige Jugendstilbau wurde 1891 als Geschäftssitz der «Schweizerischen Unionbank» fertiggestellt. Der griechische Hermes, den die Römer.innen später dann Merkur nannten, wird den St.Galler.innen als «Gott des Handels» präsentiert. Man erkennt ihn jeweils am geflügelten Helm und dem Stab, der ebenfalls geflügelt und von Schlangen umwunden ist. Der Hermes auf dem UBS-Gebäude hat ausserdem noch ein doppelt eingeschnürtes Textilpaket bei sich und blickt nach Westen, in Richtung der amerikanischen Absatzmärkte der St.Galler Textilindustrie der Jahrhundertwende.

Der zweite St.Galler Hermes begegnete mir über der Eingangstüre des markanten Gebäudes beim Hauptbahnhof, das 1908 als Filiale der «Eidgenössischen Bank» errichtet wurde und später ebenfalls die UBS beherbergte, bevor es zum Verwaltungsgebäude der Bodensee-Toggenburg-Bahn (heute Südostbahn)  – und schliesslich zum Tibits-Restaurant wurde. Zwei Reliefs flankieren hier den «Gott des Handels»: das linke unter dem Titel «Handel unter Kulturvölkern», das rechte mit der Bezeichnung «Handelsverkehr mit den Urvölkern». Jetzt stellten sich mir erstmals Fragen: Sollte etwa Handel nicht gleich Handel sein? Was sind «Kulturvölker» und was sind «Urvölker»? Was ist überhaupt Handel? Und was tut eigentlich ein Kaufmann?

Der Kaufmann und die Gratisarbeit

Der Kaufmann (auch: der Händler, der Handelsbankier, der Geschäftsmann, der Unternehmer, der Krämer, der Dealer, der An- und Verkäufer, der Investor, der Import-Export-Fachmann, der Supply-Chain-Manager) geniesst in der Geschichte im Allgemeinen in und heute unter Zeitgenoss.innen einen guten Ruf. Zumindest im Gegensatz zum mordenden, plündernden und vergewaltigenden Soldaten (auch: Söldner, Krieger, Konquistador, Eroberer, Legionär, Marineinfanterist) und auch im Gegensatz zum Betrüger (auch: Gauner, Gangster, Mafioso, Halunke, Schurke, Krimineller, Schwindler, Spekulant, Preistreiber, Wucherer). Der Kaufmann (sehr selten die Kauffrau) setzt sich mit dem Verkäufer oder dem Käufer zusammen, man verhandelt über Preise, Liefermengen und -fristen, und kommt schliesslich zu einem Abschluss, welchen man mit einem Umtrunk begiesst. Alles geschieht sehr friedlich und zivilisiert – und auf Augenhöhe, wie die beiden Reliefs am Bahnhof zu belegen scheinen.

Doch im 18. und 19. Jahrhundert, als die europäischen Staaten und die Eidgenossenschaft mit dem leading factor der Textilindustrie ihre Industrialisierung und ihren Aufstieg zu den Masters of the Universe lancierten, hat man mit den Sklavinnen und Sklaven auf den Baumwollfeldern der Amerikas nicht verhandelt. Ihre Arbeit war Zwangsarbeit und Gratisarbeit und war im fertigen Produkt «Baumwolle» bereits eingepreist. Nämlich mit einem Wert von Null. Das gleiche galt für den Kakao, der die schweizerische Schokoladeindustrie mitbegründete, für Zucker und Tee, welche zuerst die Ernährungsgewohnheiten der Oberschichten und dann diejenigen des Industrieproletariats umkrempelten, für Tabak und Kaffee, welche als tropische Genussdrogen aus der europäischen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken sind, und für Cochenille und Indigo, die der Textilindustrie lange als unersetzliche Farbstoffe dienten.

Bis heute sind wohl die meisten Handelsbeziehungen asymmetrisch, d.h. nicht auf jener gleichen Augenhöhe, wie sie Bildhauer Georg Josef Burgstaller aus Zürich am St.Galler Bankgebäude 1908 verewigt hat. Der Bergwerksarbeiter im Teenager-Alter, der aus dem engen Schacht im Kongo die seltenen Erden an die Oberfläche bringt, sitzt nicht mit am Tisch, wenn Käufer- und Verkäufer.innen des neuesten iPhones über die Preisgestaltung verhandeln. Die ältere Anwohnerin des von der Glencore-Kohlemine in Bolivien verschmutzten Flusses ist nicht dabei, wenn sich die «Preisbildung» in der Energiebranche vollzieht. Die Industrienationen des Westens haben ungleich mehr Verhandlungsmacht als die armen Länder des globalen Südens, wenn es um systemrelevante Rohstoffe geht. Auch heute noch gilt gewissermassen die Unterscheidung zwischen «Kulturvölkern» (der industrialisierte euro-amerikanische Norden) und «Urvölkern» (die LIC, d.h. die low income countries Afrikas, Asiens und Lateinamerikas).

Wir führen keine Kriege – wir geschäften

Nach dem zweiten Hermes entdeckte ich den dritten, dann den vierten, dann den fünften. Ich begann, die Stadt, in der ich seit 67 Jahren lebe, mit einem Hermes-Merkur-Scan-Blick zu durchstreifen. Der Gott des Handels fand sich als massives Relief hoch oben an Repräsentativbauten, als feinziselierter Fassadenschmuck, als «Türsteher», als Gemälde und auch in der Toponymie bzw. der Geschäftswelt (Merkurstrasse, Merkatorium, Merkur Confiserie, Hermes Personalberatung). Mittlerweile kenne ich rund 25 Darstellungen von Merkur/Hermes im öffentlichen Raum der Stadt St.Gallen, und ich werde den Verdacht nicht mehr los, dass die Verehrung bzw. symbolische Präsenz dieses antiken Gottes bei uns (wie auch z.B. in Hamburg) ein Teil unserer Lebenslüge ist: Wir sind ja nur eine harmlose Handelsnation (oder -stadt), wir haben nur Geschäfte gemacht. Wir haben keine Flotten losgeschickt, keine Kolonien erobert, keine Kriege um Einflusszonen geführt.  

Ich habe nun ein «Kopfgeld» ausgesetzt: Wer mir einen Merkur/Hermes zeigt, den ich noch nicht kenne, bekommt 20 Franken. Ich habe die Summe bisher erst einmal auszahlen müssen bzw. dürfen und schliesse keine Stadtführung mehr ab, ohne nicht auf die schöne antike Pointe hinzuweisen. Den Griech*innen galt Hermes nicht nur als der Gott des Handels und der Kommunikation, sondern auch als «Gott der Diebe». 

Der harmlose Hermes

Ein Beitrag von Hans Fässler, Historiker

Hermes als «Gott des Handels»

Den ersten St.Galler Hermes habe ich wahrgenommen, als ich 2018 meinen ersten Stadtrundgang «Auf den Spuren von Rassismus» vorbereitete. Er ist aus Metall und sitzt in einem Boot auf dem Dach des heutigen UBS-Gebäudes am Rösslitor am Rande der St.Galler Altstadt. Der wuchtige Jugendstilbau wurde 1891 als Geschäftssitz der «Schweizerischen Unionbank» fertiggestellt. Der griechische Hermes, den die Römer.innen später dann Merkur nannten, wird den St.Galler.innen als «Gott des Handels» präsentiert. Man erkennt ihn jeweils am geflügelten Helm und dem Stab, der ebenfalls geflügelt und von Schlangen umwunden ist. Der Hermes auf dem UBS-Gebäude hat ausserdem noch ein doppelt eingeschnürtes Textilpaket bei sich und blickt nach Westen, in Richtung der amerikanischen Absatzmärkte der St.Galler Textilindustrie der Jahrhundertwende.

Der zweite St.Galler Hermes begegnete mir über der Eingangstüre des markanten Gebäudes beim Hauptbahnhof, das 1908 als Filiale der «Eidgenössischen Bank» errichtet wurde und später ebenfalls die UBS beherbergte, bevor es zum Verwaltungsgebäude der Bodensee-Toggenburg-Bahn (heute Südostbahn)  – und schliesslich zum Tibits-Restaurant wurde. Zwei Reliefs flankieren hier den «Gott des Handels»: das linke unter dem Titel «Handel unter Kulturvölkern», das rechte mit der Bezeichnung «Handelsverkehr mit den Urvölkern». Jetzt stellten sich mir erstmals Fragen: Sollte etwa Handel nicht gleich Handel sein? Was sind «Kulturvölker» und was sind «Urvölker»? Was ist überhaupt Handel? Und was tut eigentlich ein Kaufmann?

Der Kaufmann und die Gratisarbeit

Der Kaufmann (auch: der Händler, der Handelsbankier, der Geschäftsmann, der Unternehmer, der Krämer, der Dealer, der An- und Verkäufer, der Investor, der Import-Export-Fachmann, der Supply-Chain-Manager) geniesst in der Geschichte im Allgemeinen in und heute unter Zeitgenoss.innen einen guten Ruf. Zumindest im Gegensatz zum mordenden, plündernden und vergewaltigenden Soldaten (auch: Söldner, Krieger, Konquistador, Eroberer, Legionär, Marineinfanterist) und auch im Gegensatz zum Betrüger (auch: Gauner, Gangster, Mafioso, Halunke, Schurke, Krimineller, Schwindler, Spekulant, Preistreiber, Wucherer). Der Kaufmann (sehr selten die Kauffrau) setzt sich mit dem Verkäufer oder dem Käufer zusammen, man verhandelt über Preise, Liefermengen und -fristen, und kommt schliesslich zu einem Abschluss, welchen man mit einem Umtrunk begiesst. Alles geschieht sehr friedlich und zivilisiert – und auf Augenhöhe, wie die beiden Reliefs am Bahnhof zu belegen scheinen.

Doch im 18. und 19. Jahrhundert, als die europäischen Staaten und die Eidgenossenschaft mit dem leading factor der Textilindustrie ihre Industrialisierung und ihren Aufstieg zu den Masters of the Universe lancierten, hat man mit den Sklavinnen und Sklaven auf den Baumwollfeldern der Amerikas nicht verhandelt. Ihre Arbeit war Zwangsarbeit und Gratisarbeit und war im fertigen Produkt «Baumwolle» bereits eingepreist. Nämlich mit einem Wert von Null. Das gleiche galt für den Kakao, der die schweizerische Schokoladeindustrie mitbegründete, für Zucker und Tee, welche zuerst die Ernährungsgewohnheiten der Oberschichten und dann diejenigen des Industrieproletariats umkrempelten, für Tabak und Kaffee, welche als tropische Genussdrogen aus der europäischen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken sind, und für Cochenille und Indigo, die der Textilindustrie lange als unersetzliche Farbstoffe dienten.

Bis heute sind wohl die meisten Handelsbeziehungen asymmetrisch, d.h. nicht auf jener gleichen Augenhöhe, wie sie Bildhauer Georg Josef Burgstaller aus Zürich am St.Galler Bankgebäude 1908 verewigt hat. Der Bergwerksarbeiter im Teenager-Alter, der aus dem engen Schacht im Kongo die seltenen Erden an die Oberfläche bringt, sitzt nicht mit am Tisch, wenn Käufer- und Verkäufer.innen des neuesten iPhones über die Preisgestaltung verhandeln. Die ältere Anwohnerin des von der Glencore-Kohlemine in Bolivien verschmutzten Flusses ist nicht dabei, wenn sich die «Preisbildung» in der Energiebranche vollzieht. Die Industrienationen des Westens haben ungleich mehr Verhandlungsmacht als die armen Länder des globalen Südens, wenn es um systemrelevante Rohstoffe geht. Auch heute noch gilt gewissermassen die Unterscheidung zwischen «Kulturvölkern» (der industrialisierte euro-amerikanische Norden) und «Urvölkern» (die LIC, d.h. die low income countries Afrikas, Asiens und Lateinamerikas).

Wir führen keine Kriege – wir geschäften

Nach dem zweiten Hermes entdeckte ich den dritten, dann den vierten, dann den fünften. Ich begann, die Stadt, in der ich seit 67 Jahren lebe, mit einem Hermes-Merkur-Scan-Blick zu durchstreifen. Der Gott des Handels fand sich als massives Relief hoch oben an Repräsentativbauten, als feinziselierter Fassadenschmuck, als «Türsteher», als Gemälde und auch in der Toponymie bzw. der Geschäftswelt (Merkurstrasse, Merkatorium, Merkur Confiserie, Hermes Personalberatung). Mittlerweile kenne ich rund 25 Darstellungen von Merkur/Hermes im öffentlichen Raum der Stadt St.Gallen, und ich werde den Verdacht nicht mehr los, dass die Verehrung bzw. symbolische Präsenz dieses antiken Gottes bei uns (wie auch z.B. in Hamburg) ein Teil unserer Lebenslüge ist: Wir sind ja nur eine harmlose Handelsnation (oder -stadt), wir haben nur Geschäfte gemacht. Wir haben keine Flotten losgeschickt, keine Kolonien erobert, keine Kriege um Einflusszonen geführt.  

Ich habe nun ein «Kopfgeld» ausgesetzt: Wer mir einen Merkur/Hermes zeigt, den ich noch nicht kenne, bekommt 20 Franken. Ich habe die Summe bisher erst einmal auszahlen müssen bzw. dürfen und schliesse keine Stadtführung mehr ab, ohne nicht auf die schöne antike Pointe hinzuweisen. Den Griech*innen galt Hermes nicht nur als der Gott des Handels und der Kommunikation, sondern auch als «Gott der Diebe». 

Paul Grünigers Brücke zwischen Leben und Tod

Ein Beitrag von Jonathan Kreutner.

 

Zugegeben, sehr schön oder speziell gebaut ist sie nicht, die Brücke über den Rhein, welche nach Paul Grüninger benannt ist. Aber dafür sehr symbolisch. Denn genau in Richtung solcher Grenzübergänge, wie eben diese Rheinbrücke, strömten in den Jahren 1938 und 1939 Tausende von Flüchtlingen aus dem Deutschen Reich. Es waren vor allem Juden, aber auch politisch Verfolgte. Die Annektierung Österreichs im März 1938 und die Pogromnacht am 9. November desselben Jahres hatten die Situation noch einmal verschärft. 

 

In dieser Nacht des 9. November 1938 verliessen meine Grosseltern väterlicherseits mit meinem Vater (damals ein Baby) Hals über Kopf das heimische Wien, wo mein Grossvater bewusstlos geschlagen wurde. Drei Wochen später überquerten sie den Rhein bei Diepoldsau, gleich unterhalb der heutigen Grüninger-Brücke. Das Wasser war eiskalt. Mein Vater fiel in den Rhein und schrie. Mein Grossmutter schleppte sich, ihren schwerverletzten Ehemann und ihr nasses Kleinkind an das Schweizer Ufer des Rheines, wo sie von Schweizer Grenzbeamten aufgegriffen wurde. Den Beamten sagte sie, sie könnten sie erschiessen, aber umkehren würde sie nicht mehr.dabei auch Zollbeamte Alfons Eigenmann, der Mitleid mit der kleinen Familie hatte und sie, obwohl es verboten war, in die Schweiz liess und in seinem privaten Eigenheim pflegte. Doch Eigenmann wusste nicht wie weiter und rief noch am selben Abend seinen Chef Hauptmann Paul Grüninger in St. Gallen an. Dieser erteilte ihm die Weisung, dass die Familie Kreutner in der Schweiz bleiben kann. Damit rettete er meinen Grosseltern und meinem Vater das Leben. Das war im Jahr 1938.

Im gleichen Jahr wurde auch der sogenannte «Judenstempel» eingeführt, so dass deutsche und österreichische Juden durch ihren Pass gleich als solche erkennbar waren. Und die Schweiz anerkannte jüdische Menschen nicht als politisch Verfolgte. Eine Abweisung an der Grenze war darum meistens Normalfall. 

 

Für Paul Grüninger, St. Galler Polizeikommandant im Rang eines Hauptmanns, war dies jedoch ein unhaltbarer Zustand. Und er appellierte auch an seine Kollegen innerhalb der kantonalen Polizei: Die Rückweisung der Flüchtlinge ginge schon aus Erwägungen der Menschlichkeit nicht. Man müsste so viele wie möglich hereinlassen. Genau das tat er mit meinen Vorfahren. Mit diesem Gedanken stand er jedoch oft alleine da. So entschied sich Grüninger, selbst zu handeln. Er datierte Einreisevisa von Flüchtlingen vor und fälschte zusätzlich auch andere Dokumente, um so den Männern, Frauen und Kindern die Einreise in die Schweiz zu ermöglichen. Dieses illegale, aber überaus ethisch menschliche Handeln, rette viele Menschen. Hunderte Menschen konnten so vor dem fast sicheren Tod während des Holocausts bewahrt werden. Auch meine Grosseltern und mein Vater waren darunter. 

 

1939 flog Grüninger auf. Er wurde vom Dienst suspendiert, vor Gericht verurteilt und ihm wurde seine Pension aberkannt. Den Rest seines Lebens verbrachte er mit Aushilfsjobs und von seinen ehemaligen politischen Weggefährten geächtet. Erst 1993, über 20 Jahre nach seinem Tod, wurde er von der St. Galler Regierung rehabilitiert und vom Bundesrat geehrt. 

 

Gutes zu tun wurde leider in der Vergangenheit oftmals nicht gewürdigt und sogar bestraft. Wegen seiner guten Tat musste Paul Grüninger die letzten 30 Jahre seines Lebens verfemt und in Armut leben. Und trotzdem sagte er bis zu seinem Tod, dass er wieder genau gleich handeln würde. So spricht ein Held, an dem sich alle Menschen ein Vorbild nehmen können.  

 

Mein Vater erwies Paul Grüninger 2012 die Ehre, als er als einer der letzten noch lebenden Juden, die bei Diepoldsau den Rhein überquerten, an der Eröffnung der Brücke eine Rede halten durfte. Ein paar Jahre später stand mein Vater für eine Fernsehreportage wieder auf der Grüninger-Brücke und blickte auf die Stelle, wo er auf den Armen seiner Mutter von der Hölle gerettet wurde. Jene Brücke, die für ihn den Übergang zwischen sicherem Tod und Leben bedeutete. 

 

Foto: Dietmar Walser, Jüdisches Museum Hohenems